Ideenpapier von Schelbert Jan 2012 Digitale Infrastrukturen

Aus Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte
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Digitale Infrastrukturen zur Erstellung, Kommunikation und Publikation von Forschungsdaten


Ein Ideenpapier von Georg Schelbert


Berlin, den 4. Januar 2012, vorgetragen auf dem Gründungstreffen am 2. Februar 2012


Die bisher verfügbaren digitalen Infrastrukturen zur Verwaltung fachbezogener Daten sind vorwiegend "download"-orientiert: Bestimmte Bestände – in der Regel Sammlungsbestände eines Museums, aber auch Forschungsdaten eines Projektes – werden zentral digital aufbereitet und per Internet mehr oder weniger frei zur Verfügung gestellt (vgl. hierzu etwa die aktuellen DFG-Seiten "Auf dem Weg in die digitale Zukunft", die noch weitgehend von dieser Perspektive geprägt sind).

Aus der Perspektive der Forschenden und auch der Projekte (sowie der Nutzer !) ist jedoch gerade auch der "upload" von Bedeutung. Es geht nicht nur um das Finden, sondern auch um das digitale Erstellen, Dokumentieren, Verbinden und Kommentieren von Forschungsdaten, etwa im Rahmen kollaborativer Strukturen oder im Sinne einer (womöglich interdisziplinären) Nachnutzung. Eines der Desiderate bei den Vorgesprächen zur Etablierung des Arbeitskreises war die Notwendigkeit einer 'Grundsatzdiskussion' darüber, welche Infrastrukturen wir für die Erzeugung und Handhabung kunsthistorischen Wissens bei den typischen wissenschaftlichen Arbeitsschritten, von der Materialsammlung, über Analyse und Auswertung bis hin zur Publikation von Ergebnissen notwendig oder wünschenswert sind.

Hier besteht, ungeachtet dessen, dass es für einzelne Arbeitsgebiete langjährige und umfangreiche Erfahrungen gibt (Museumswesen, Denkmalinventarisation, Bildarchivierung), nachhaltiger Bedarf im Fach. Insbesondere da Infrastrukturmaßnahmen entweder nur projektspezifisch (mit der Gefahr der häufig, aber nicht immer zu Recht beklagten "Insellösungen") oder institutionenbezogen (mit der Gefahr der Ablehnung seitens anderer Körperschaften und Personen i.S. des "not invented here") entwickelt werden, herrscht ein eklatanter Mangel an allgemeiner Kenntnis spezifischer und übergreifender Möglichkeiten digitaler Forschungsinfrastrukturen, aber auch notwendiger Organisation und zugrundeliegender bzw. zu definierender Technologien bzw. Methodologien. Laufend und in zunehmenden Maß benötigen in den Geisteswissenschaften neue Forschungsvorhaben aller Größenordnungen derartige digitale Infrastrukturen. Gerade da die digitale Dokumentation sämtlicher Arbeitsschritte heute weitgehend unverzichtbar ist, werden wohl alle Kollegen zunächst die basale Frage "welche Datenbank sollen wir nehmen" aus eigener Erfahrung kennen. Dies gilt selbst bei Projekten, die gar kein besonderes Interesse an der Reflexion von Dokumentationsfragen oder digitalen Methoden haben. Dabei ist die Frage häufig viel zu kurz gegriffen, weil sie in der Regel nicht auf die weiteren Voraussetzungen und Zusammenhänge – seien es die grundlegenden, durch digitale Formen erweiterten Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Strukturierung des Wissens innerhalb des eigenen Projektes, seien es die neuen Möglichkeiten der Wissensvernetzung über das jeweilige Projekt hinaus (auch im Rahmen internationaler Vernetzungen) –eingeht, sondern nach einem black-box-artigen Instrument als Mittel zum Zweck fragt.

Diese, im wissenschaftlichen Alltag zumeist gegebene Enge will die Diskussion innerhalb des Arbeitskreises überwinden. So geht es dabei nicht um die häufig von institutionellen oder politischen Zwängen bestimmte Debatte bestimmter Format- und Technologiestandards, sondern zunächst um die Ermittlung der Möglichkeiten, die sich durch entsprechend konzipierte Infrastrukturen ergeben, etwa neue Formen der Wissenserzeugung durch Akkumulation und Vernetzung, und die Frage danach, wie solche Infrastrukturen gefördert werden können.

Im Hinblick auf globale Infrastrukturen liegt die Aufgabe darin, die bestehende Lücke zwischen den 'freien Formen' des Internets und den vielen, oft nicht einmal online zugänglichen Fachkatalogen und oder Forschungsdatenrepositorien auszuloten und zu überlegen, wie sie strukturell geschlossen werden kann. Mit den Konzepten "Semantic Web" und "linked Data" sind bereits Denkmodelle vorhanden, und im Konkreten entstehen zunehmend netzförmig strukturierte Datenverwaltungen. Konzepte und Verfahren, wie einzelne Implementierungen solcher Datenmanagement-Systeme übergreifend zusammenarbeiten können, sind jedoch noch zu entwickeln. Dabei kann auf eine fachübergreifende, aber auch sprach- und – gerade in der Kunstgeschichte – medienformatübergreifende Perspektive nicht verzichtet werden. Auch wenn derartige Überlegungen dezidiert konzeptionellen Charakter haben, geht es dabei am Ende nicht ohne Technologie und Standards – auch FacebookWikipedia und WikipediaWikipedia sind Technologien und selbst für elementarste Infrastrukturen wie Internet und email wurden Standards festgelegt.

Im Rahmen des Arbeitskreises bleibt die Frage nach Infrastrukturen zum kollaborativen Speichern, Bearbeiten, Verknüpfen und Publizieren von Forschungsdaten zunächst jedoch eine konzeptionelle Herausforderung, die auch zu generellen Fragen nach dem Wandel der Wissensdokumentation und des Wissensaustausches in der Forschungspraxis führt. Erst mit der Möglichkeit, Wissen in wirklich neue Infrastrukturen einzubringen, werden neue Dokumentations-, Kommunikations- und Publikationsformen jenseits des klassischen (textzentrierten) Publikationswesens möglich. Immer noch ist der größte Teil der Kommunikations- und Publikationsformen an einem mit dem Namen eines einzelnen Autors gekennzeichneten Fließtext orientiert, auch wenn dessen Bereitstellung nunmehr häufig in digitaler Form stattfindet.

Dass der Frage nach neuen Werkzeugen und Infrastrukturen für die kunsthistorische wissenschaftliche Praxis ein universeller Aspekt innewohnt und damit nicht nur projekt- und damit zweckgebunden reflektiert werden kann, unterstreicht die Notwendigkeit unseres Arbeitskreises. Er bildet damit zugleich einen Schritt zur Etablierung einer spezifisch kunsthistorischen Abteilung innerhalb der sich zunehmend entwickelnden Disziplin der digitalen Geisteswissenschaften - 'Digital Humanities'.

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